Michael Groß: „Einhundert olympische Minuten mit der größten Höhe und der tiefsten Tiefe“

31.07.2014 Schwimmen, Verband

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Frankfurt am Main, 30. Juli 2014 – Michael Groß war einer der herausragendsten Sportler der 80er-Jahre. Fast nach Belieben beherrschte der gebürtige Frankfurter auf den Strecken 100 und 200 Meter Freistil bzw. Schmetterling in seinen besten Zeiten die internationale Konkurrenz. Am 29. und 30. Juli 1984 gewann er als 20-Jähriger bei den Olympischen Spielen in Los Angeles über 100 Meter Schmetterling und 200 Meter Freistil jeweils in Weltrekordzeit die Goldmedaille.

Im Interview mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe erinnert sich Dr. Michael Groß noch einmal an seine olympischen Momente vor fast genau 30 Jahren und liefert die Begründung, warum er Ion Tiriac als Manager damals ablehnte. Einen wertvollen Ratschlag an junge Athleten hat er auch noch:

Sporthilfe: In dieser Woche jähren sich Ihre Olympiasiege von Los Angeles zum 30. Mal. Sind Ihnen Ihre Gefühle von damals noch präsent?

Groß: Diese Tage werde ich nie vergessen, ich denke, das wird jedem erfolgreichen ehemaligen Spitzenathleten so gehen. Es waren Meilensteine in meiner Karriere. Allerdings sind es nicht nur positive Gefühle, die ich mit dem 29. Juli verbinde. Dieser Tag hielt für mich einhundert olympische Minuten mit der größten Höhe und der tiefsten Tiefe bereit. Ich wurde Einzel-Olympiasieger über 100 Meter Schmetterling in Weltrekordzeit, nur wenig später verpassten wir mit der Staffel Gold über 4x200 Meter Freistil, obwohl wir fast fünf Sekunden unter dem eigenen Weltrekord blieben. Die Amerikaner waren vier Hundertstel schneller. Diesen zweiten Platz mit dem Team empfinde ich auch heute noch als größte Niederlage meines Schwimmerlebens.

Sporthilfe: Wie blicken Sie heute, mit 30 Jahren Abstand, auf Ihre Erfolge?

Groß: Natürlich haben mich die Erfolge in gewisser Weise geprägt, insbesondere auch, wie mir die Öffentlichkeit entgegengetreten ist. Noch heute werde ich als der Olympiasieger wahrgenommen, die Menschen sprechen mich darauf an. Mir ist aber bewusst, dass diese olympischen Finalläufe extrem verschärfte Prüfungssituationen waren, die mit der Lebenswirklichkeit wenig vergleichbar sind – sie addierten sich auf gerade mal zehn Minuten meiner Lebenszeit. Die Welt des Sports ist in meinen Augen oft recht eindimensional, der Alltag stellt mich immer wieder vor deutlich vielfältigere Herausforderungen.

Sporthilfe: Sie haben parallel zu Ihrer Schwimmkarriere stets Ihr Studium und damit Ihre berufliche Karriere vorangetrieben.

Groß: Ich habe nie nur auf Sport gesetzt, deshalb habe ich beispielsweise Ion Tiriac 1984 als Manager abgelehnt, Schule und später das geisteswissenschaftliche Studium an der Goethe-Universität dagegen sehr ernst genommen. So habe ich regelmäßig in eine andere Welt abtauchen können, in der Stress und Erwartungsdruck des Spitzensports keine Bedeutung haben.

Sporthilfe: Sie sitzen in der Jury, die die Top-5-Athleten für die Wahl zum Sport-Stipendiaten des Jahres (noch bis 22. August auf www.sportstipendiat.de) bestimmt hat, und haben damit einen tiefergehenden Eindruck von der heutigen Doppelbelastung von Spitzensport und Studium bekommen. Was können Sie der aktuellen Sportlergeneration heute raten?

Groß: Ich kann junge Athleten nur davor warnen, sich ausschließlich das Ziel zu stecken, Weltmeister oder Olympiasieger werden zu wollen. Wer mehrere Optionen ins Auge fasst, hat auch mehr Chancen. Das Leben auf mehrere Säulen aufzubauen, ist für jeden Menschen eine gute Prophylaxe gegen Fehlentwicklungen. Ein normales soziales Umfeld mit Familie und Freunden schützt und federt sogar existenziellen Druck ab.

 

Dr. Michael Groß (*17. Juni 1964 in Frankfurt am Main) ist dreifacher Olympiasieger und fünffacher Weltmeister und damit einer der erfolgreichsten Schwimmsportler in Deutschland. Vier Mal wurde er zum „Sportler des Jahres“ gewählt. Parallel zur Sportkarriere studierte der gebürtige Frankfurter Germanistik, Politik- und Medienwissenschaften und promovierte 1994. Von der Deutschen Sporthilfe wurde er über 12 Jahre gefördert, anschließend engagierte er sich im Vorstand und Kuratorium der Stiftung, darüber hinaus ist er Mitglied in emadeus – dem Club der Sporthilfe-Athleten.

Heute ist Michael Groß Inhaber von Groß & Cie., einer Beratungsgesellschaft für Change Management und Talent Management. Er ist zudem Lehrbeauftragter an der „Frankfurt School of Finance & Management“. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

 

(Pressemeldung Stiftung Deutsche Sporthilfe)

 
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